Arabische Raucher schwören auf Schweizer Zigaretten

Trotz strenger Anti-Tabak-Gesetze im eigenen Land nehmen die Exporte von Schweizer Zigaretten zu. Wichtigste Abnehmer sind muslimische Länder aus dem Nahen Osten und Nordafrika.

Zigaretten aus der Schweiz sind in den auf­strebenden Märkten Ma­rokko, Bahrain und Saudi­arabien am begehrtesten. Cartoon: Max Spring

Zigaretten aus der Schweiz sind in den auf­strebenden Märkten Ma­rokko, Bahrain und Saudi­arabien am begehrtesten. Cartoon: Max Spring

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Es sind die Schwellenmärkte, welche bei den Schweizer Zigarettenherstellern für frischen Wind sorgen. Während die Industrie in Europa und Nordamerika mit sinkenden Raucherzahlen, höheren Tabaksteuern und strengerer Regulation konfrontiert ist, bieten aufstrebende Volkswirtschaften ganz neue Aussichten.

Hauptabnehmer von in der Schweiz hergestellten Zigaretten sind muslimische Länder aus dem Nahen Osten und Nordafrika, wie eine Analyse der Aussenhandelsstatistik von 1988 bis 2016 durch diese Zeitung zeigt. In all diese Märkte zusammen exportierte die hiesige Zigarettenindustrie zuletzt Glimmstängel im Wert von 220 Millionen Franken. Das entspricht wertmässig knapp der Hälfte aller Ausfuhren von Schweizer Zigaretten.

Zigarettenexporte für eine halbe Milliarde Franken

Für die exportorientierte Schweizer Wirtschaft ist die ­Herstellung von Zigaretten damit ein nicht zu unterschätzendes Standbein. Ein ähnliches Exportvolumen von über einer halben Milliarde Franken erreicht etwa die Metallindustrie mit Gütern aus Nickel, beispielsweise Drähten. In den vergangenen 30 Jahren hat sich der Wert der ausgeführten Schweizer Zigaretten knapp verdoppelt. Den Höhepunkt erreichten die Exporte im Jahr 2009 mit einem Wert von 680 Millionen Franken.

Transnationale Tabakkonzerne dominieren den Werkplatz Schweiz: Die Fabriken von Philip Morris (Marlboro) in Serrières NE, British American Tobacco Switzerland (Lucky Strike) in Boncourt JU sowie Japan Tobacco International (Camel) in ­Dagmersellen LU produzieren jährlich über 28 Milliarden Zigaretten. In 32 von 1000 Stück befindet sich Tabak aus einheimi­schem Anbau. Die Wurzeln der Produktionsstätte im Jura reichen ins Jahr 1814 zurück. Die drei Grossen beschäftigen zusammen in der Schweiz knapp 4800 Mitarbeiter.

Die Zigarettenindustrie weiss ihre internationale Ausrichtung geschickt auszunutzen. Verschiedene Absatzmärkte heisst auch unterschiedlich strenge Anti-Tabak-Gesetze. «Die Zukunft der Schweizer Tabakindustrie wird mit wenigen Ausnahmen nicht in der Schweiz entschieden, sondern auf den Hauptexportmärkten der Industrie», sagt Thomas Beutler, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz.

«Die Zukunft der Schweizer Tabakindustrie entscheidet sich nicht in der Schweiz.»Thomas Beutler, Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz

«Selbst wenn es eine Zauberwundermassnahme geben würde, die den Zigarettenkonsum in der Schweiz auf null reduzieren würde, könnte die Schweizer Tabakindustrie weiter existieren», so Beutler. Denn: Wer bis zu 80 Prozent der inländischen Produktion exportiere, müsse sich über Regulierungen im Inland keine Gedanken machen.

Zigaretten aus der Schweiz sind in den aufstrebenden Märkten Marokko, Bahrain und Saudi­arabien am begehrtesten. Anhand von Bahrain mit seinen 1,4 Millionen Einwohnern lässt sich aufzeigen, warum Glimmstängel ausgerechnet im muslimischen Teil der Welt gefragt sind. Die Akzeptanz fürs Rauchen in Ländern mit dem Islam als Staatsreligion steigt. Der Koran verbietet das Rauchen nicht explizit, gibt aber Verhaltensregeln für Genuss vor. Der Wert der Exporte von Schweizer Zigaretten nach Bahrain hat seit 1988 um das 54-Fache auf 51 Millionen Franken zugenommen.

Zigaretten sind im Nahen Osten erschwinglich

Im Nahen Osten sind Zigaretten billig: Ein Päckli einer bekannten Marke kostet in der bahrainischen Hauptstadt Manama 1,4 Dinar oder umgerechnet 3.7 Franken. Das macht das Produkt für jede Einkommensgruppe erschwinglich, zumal der Wohlstand zunimmt. In der Schweiz ist eine Schachtel für 8.50 Franken zu haben.

Rauchen ist bei bahrainischen Jugendlichen in, wie aktuelle Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von Ende 2014 zeigen. Von 1000 Teenagern im Alter von 13 bis 15 Jahren rauchen im Königreich 143 regelmässig Zigaretten. In der Schweiz sind es lediglich 111 Jugendliche. In beiden Ländern ist der Anteil der jungen Männer unter den Rauchern deutlich höher als jener der jungen Frauen.

Nichtregierungsorganisationen werfen der Tabakindustrie vor, in den Zukunftsmärkten das wachsende Alterssegment der Jugendlichen gezielt mit Werbung anzusprechen. Die Tabakindustrie weiss: Der Teenager von heute ist der treue Konsument von morgen. Die Folgen sind bekannt: In Bahrain sterben laut der WHO in der Gruppe der über 30-Jährigen 28 Personen auf 100'000 an den Folgen von Tabakkonsum. In der Schweiz sind es 134.

Starker Tobak ist im arabischen Raum beliebt

Schliesslich mögen die Raucher aus dem Nahen Osten und Nordafrika buchstäblich starken Tobak. Davon profitieren die Tabakkonzerne in der Schweiz. Sie können hierzulande auch Zigaretten mit hohem Gehalt von Teer und Nikotin herstellen, deren Verkauf in der Schweiz und der Europäischen Union verboten ist. Die EU untersagt auch die Produktion solcher Zigaretten.

In Bahrain und anderen muslimischen Ländern hat der staatliche Kampf gegen das Rauchen erst begonnen. Der Golfstaat hat im Jahr 2009 mit dem Segen von König Hamad bin Isa Al Khalifa strengere Gesetze erlassen. Rauchen im öffentlichen Raum ist seither verboten, ebenfalls der Verkauf von Zigaretten an unter 18-Jährige und Werbung für Tabakwaren. Bahrain reagierte damit auf den Nachbar Vereinigte Arabische Emirate, die dem Rauchen ebenfalls den Kampf angesagt haben.

Aus Sicht der WHO mit Sitz in Genf gehen diese Massnahmen aber noch zu wenig weit. Die Organisation der Vereinten Nationen kritisiert, dass sich die Tabakkonzerne mit Angstmacherei gegen schärfere Prävention sowie höhere Tabaksteuern wehren. So warne die Industrie ­gekonnt vor zunehmendem Schmuggel und damit grösseren Steuerausfällen für den Staat.

Zigarettenhersteller wollen «Teil der Debatte» sein

Der Verein Swiss Cigarette, der die Interessen der drei grossen Hersteller in der Schweiz vertritt, nimmt zu diesen Vorwürfen keine Stellung und verweist auf seine einzelnen Mitglieder. Die British American Tobacco (BAT) Switzerland SA gibt nur Auskunft zum Schweizer Markt und bat diese Zeitung, an den Hauptsitz in London zu gelangen. Dort heisst es einzig, man wolle bei Fragen zur Regulierung auf globaler Ebene «Teil der Debatte» sein.

«Wir haben immer klar gemacht, dass wir Regulierung unterstützen, die auf robusten Beweisen und gründlicher Forschung basiert, gesetzlich verbürgte Rechte und Lebensgrundlagen respektiert und gleichzeitig ihre politischen Ziele erreicht und mögliche unbeabsichtigte Konsequenzen anerkennt», so die Reaktion von BAT.

Für die Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention sind die Fronten ebenfalls klar. Ihre Appelle richtet sie nicht an die Zigarettenindustrie, sondern an Bern. «Wir haben klare Forderungen an die Schweizer Politik, weil sie mit Gesetzen und Regulierungen den Rahmen für alle Tätigkeiten der Tabakindustrie setzt», sagt Thomas Beutler.

Es liege in den Händen von National- und Ständerat, die Gesundheit der Menschen in der Schweiz, «aber auch in den Importländern von Schweizer Tabakwaren» zu schützen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.02.2017, 08:33 Uhr

Globaler Markt

Der weltweite Markt für Zigaretten ist knapp 700 Milliarden Dollar schwer. Das entspricht etwa der Wirtschaftsleistung der Türkei. Gegen eine Milliarde Raucher kauften im Jahr 2015 rund 5,3 Billionen oder 5300 Milliarden Zigaretten. Wenn man diese der Länge nach aneinanderreihen würde, liesse sich damit die Entfernung von der Erde zum Mars und zurück mehrere Male «abstecken».

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass jährlich sechs Millionen Raucher an den Folgen von Tabakkonsum sterben. Die Zigarettenhersteller dürften noch bis zum Jahr 2020 schöne Wachstumsraten verzeichnen. Das jedenfalls sagen Industrieanalysten voraus. Auf die Zeit danach stellt sich die Branche mit neuen Produkten wie der ­E-Zigarette ein. Wichtigster Absatzmarkt für Glimmstängel ist der asiatisch-pazifische Raum mit China als weltweit grösster Abnehmer.

Fünf transnationale Hersteller teilen sich 84 Prozent des Weltmarktes auf. Es sind dies: die staatsnahe China National Tobacco Corporation, Philip Morris International (Marlboro), British American Tobacco (Lucky Strike), Japan Tobacco, Incorporated (Camel) und Imperial Tobacco Group (Gauloises).

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